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(Kapitel 1)
Am Jugendgottesdienst führt kein Weg
vorbei
Aus einer Befragung Jugendlicher beim diesjährigen Kirchentag
in Frankfurt gingen wir zunächst unsortierter heraus, als wir
es bei der Konzeption zuvor waren:
Was, bitte schön, ist ein Jugendgottesdienst?
Zwar ließen sich im Hinblick auf bevorzugte - genauer wohl:
bekannte und gelebte - Formen klare Tendenzen und Gruppen erkennen,
aber eine Definition des Jugendgottesdienstes rückte in weitere
Ferne.
Für sehr viele der etwa 130 befragten Jugendlichen
prägten Lobpreisformen das wesentliche gottesdienstliche Erleben.
Moderne Techno-Gottesdienste hingegen wurden ebenso mit einem Achselzucken
bedacht wie die fast schon alt-ehrwürdigen Beat-Messen. Und
die Thomas-Messe kannte kein einziger - zumindest bis Freitagabend,
da füllte sie dann die Ballsporthalle in Höchst. Dafür
auf Platz 1: Der »normale« Sonntagsgottesdienst.
Ja, meinten sehr viele, der müsse für
Jugendliche attraktiver werden, also eben auch ein Jugendgottesdienst
werden - und zum Teil, das sei nicht verschwiegen, ist er das in
den Gemeinden der Befragten auch schon längst.
Nun darf man sich weder vom Kirchentag allgemein
noch den völlig unrepräsentativ Befragten speziell irre-
führen lassen: Es waren auch ganze »Heerscharen«
von Jugendlichen unterwegs, die zum Thema Gottesdienst gar nichts
sagen wollten und ihren Seelenfrieden offenbar an anderer Stelle
suchten. Und in unseren Gemeinden (bzw. in der Klasse, im Verein
etc.) treffen wir noch mal auf andere Jugendliche. Deutlich wurde
uns aber: »den« Jugendgottesdienst gibt es so wenig
wie »den« Gottesdienst überhaupt.
Ist das nicht eine gewaltig platte Aussage?
Ja, sie ist banal, fast schon eine Zumutung für alle, die konzeptionell
über Gottesdienste nachdenken. Aber man muss ja doch mal fragen
dürfen, wie abwechslungsreich, wie vielgestaltig, wie zielgruppen-
oder mitgliederorientiert unsere Gottesdienste sind und was sie,
wo es verschiedene Angebote gibt, voneinander unterscheidet.
Und siehe: Es ist vor allem die Platzierung. Denn, ganz ehrlich:
Jugendgottesdienste können viel langweiliger sein als »Hauptgottesdienste«.
Der Name allein steht noch für wenig, höchstens für
einen Anspruch.
Was den Jugendgottesdienst immer noch zu einer Sonderveranstaltung
macht, ist ganz überwiegend seine Platzierung. Weil er eben
nicht der »Hauptgottesdienst« ist, selbst wenn er weit
mehr Menschen erreichen sollte.
Wir wollen das hier nicht diskutieren. Über
die Notwendigkeit grundsätzlicher Gottesdienst-Reformen, zielgruppenbezogener
Angebote oder die Anerkennung verschiedener Gottesdienstformen ist
viel, aber längst noch nicht alles Wesentliche gesagt worden.
Ein fast salomonisches Wort dazu von Christian
Grethlein (1999:18): »Deshalb sollten Gottesdienste zielgruppenbezogen
geplant bzw. in ihrem Zielgruppenbezug erkannt werden. Nur so kann
das gegenwärtig vielerorts unübersehbare Fehlen jüngerer
Menschen im Gottesdienst verhindert werden.
Allerdings ist dabei darauf zu achten, dass es zu Überschneidungen
der einzelnen liturgischen Angebote kommt, so dass - immer wieder
- Gottesdienste von Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedenen
Milieus gefeiert werden können.«
In »Jugendgottesdienst 2.0« wollen
wir uns dem Jugendgottesdienst ganz pragmatisch nähern: Hilfen
geben, ihn vorzubereiten und zu feiern. Denn am Jugendgottesdienst
- in seinen verschiedenen Ausgestaltungen - führt kein Weg
vorbei. Vor allem - ohne jede theoretische Diskussion! - deswegen
nicht, weil ihr ihn machen wollt!
Was können sich Kirchenverantwortliche
mehr wünschen, als Jugendliche, die aus eigenem Interesse heraus
Gottesdienst feiern wollen. Das ist - bei aller Umfragenverwirrung
- die typische Form des Jugendgottesdienstes: Jugendliche feiern
Gottesdienst - und das bedeutet dann meist auch: Jugendliche machen
Gottesdienst. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Begrifflichkeit
ein Stück weit vom Kindergottesdienst, wo Kinder zwar auch
aktiv vorkommen, mindestens der Rahmen der Veranstaltung aber doch
von älteren / erwachsenen Mitarbeitern gesteckt wird - sie
wollen etwas mit den Kindern machen.
Beim Jugendgottesdienst sind Jugendliche zunächst
einmal die (Haupt-) Zielgruppe - daher der Name, den der DUDEN leider
auch in der 21. Auflage nicht kennt. Wobei »Jugendliche«
auch noch sehr weit gefasst ist; wenigstens die einzelne Veranstaltung
wird man doch für eine etwas speziellere Altersgruppe vorbereiten.
Daneben werden Jugendliche meist auch als »Akteure«
im Jugendgottesdienst vorkommen.
Der Theologe Hans-Martin Lübking sagt zum Beispiel: »Ein
Jugendgottesdienst ist dann ein Jugendgottesdienst, wenn er in der
Vorbereitung und Planung und in der Durchführung wesentlicher
Teile Jugendliche mit einbezieht.« (Urban / Rieg, 2000a: 26)
Viele Vorschläge hier gehen weiter: Jugendliche
verantworten den ganzen Gottesdienst selbst. Sie nutzen den Raum
- der ihnen hoffentlich gegeben wird -, um ihre eigenen gottesdienstlichen
Erfahrungen zu machen.
Dafür brauchen sie keinen Organisten oder
sonstigen Kirchenmusiker, keinen Kirchenvorsteher für die Abkündigungen,
keinen Küster fürs Geläut - sofern Jugendliche das
alles selbst machen wollen. Was nicht so verstanden werden sollte,
wie es in der Praxis dann oft ist: Der Jugendgottesdienst bekommt
einfach keine personelle Unterstützung, auch wenn er sie dringend
anfordert (als »Sonderform« muss er eben schauen, wie
er zurecht kommt).
Aber: Wenn lieber ein Konfirmand die Glocken
läuten möchte, dann soll er das tun dürfen. Termine
und Kurzberichte, die bei den jugendlichen Gottesdienstbesuchern
auf Interesse stoßen, werden sicherlich am überzeugendsten
auch von Jugendlichen selbst verlautbart.
Und niemand wird sich wie immer über die langweilige Predigt
der Pastorin beschweren, wenn es statt der Predigt einfach fetzige
Lieder gab.
Ein Jugendgottesdienst kann sicherlich von ganz
unterschiedlichen Gruppen vorbereitet werden. Von Eltern, vom erfahrenen
Kindergottesdienst-Team, von Konfirmanden, von Religionslehrern,
vom Pfarrer.... - oder von einem bunt gemischten Vorbereitungskreis.
So sehr auch hinterher alle gemeinsam Gottesdienst feiern wollen,
haben wir doch immer die beiden Gruppen: die Vorbereitenden und
die Teilnehmenden. Und von beiden Gruppen hängt stark ab, wie
der jeweilige Jugendgottesdienst aussieht, wie er sich anhört,
»was abgeht«.
In vielen Vorbereitungsgruppen geht man stillschweigend davon aus,
dass erst der Pfarrer oder die Pfarrerin die anberaumte Versammlung
Jugendlicher (ggf. mit ihren Eltern, Freunden, Verwandten und anderen
interessierten Gemeindegliedern) zu einem Gottesdienst macht.
Das ist aber nach evangelischem Verständnis
nicht ganz so. Okko Herlyn hat in seiner Habilitation einen versöhnlichen
Spagat versucht:
»Der dazu [zur Verkündigung] 'ordnungsgemäß
Berufene' tut nämlich qualitativ nichts anderes, als was jeder
schlichte Christenmensch an seinem Ort auch zu tun hat. Aber eben:
jeder an seinem Ort.
Der entscheidende Unterschied zwischen dem Priestertum aller und
dem Predigtamt weniger liegt - entgegen landläufiger Meinung
- nicht etwa in ihrer qualitativen Differenz, sondern nur in ihrem
jeweils unterschiedlichen Wirkungsbereich. Hat der normale Christ
- abgesehen von Notfällen - das Evangelium ausschließlich
privatim (in der Familie, unter Freunden und Nachbarn, im Beruf)
zu verbreiten, so ist für die publice stattfindende Verkündigung
des Gottesdienstes einzig und allein der ordinierte Pfarrer zuständig.«
(Herlyn, 1997)
Sein Lehr-Kollege Christian Grethlein (1994:
516) wagt sich am Beispiel Kindergottesdienst weiter vor:
»Nach neutestamentlicher Verheißung sind alle in der
Taufe mit Gottes Geist begabt. Paulus hat das in seiner Rede von
den Charismen anschaulich ausgeführt. Die Dominanz der Pfarrerinnen
und Pfarrer in unseren Got-tesdiensten droht diese Einsicht zu verstellen.
Die Exklusivität der Predigt als einer (in der Regel) belehrenden
Rede ist das Produkt einer Zeit, in der die meisten Menschen nur
durch den Pfarrer vermittelt Zugang zu Informationen außerhalb
ihres engsten Lebenskreises hatten. Sie entspricht aber nicht mehr
der Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der
die Erfahrungen einzelner immer weniger Anspruch auf Allgemeingültigkeit
haben.«
Mit der dogmatischen Diskussion wird vor Ort sehr unterschiedlich
umgegangen - und nicht selten behilft man sich besonders schadlos
eben mit der Sonderrolle des Jugendgottesdienstes, der dann vielleicht
theologisch streng gesehen »nur« eine Andacht ist, so
wie das Feierabendmahl oder Agapemahl dann kein Abendmahl im Sinne
der Kirchenordnung ist.
Für die Vorbereitungsgruppe ist vor allem wichtig, sich mit
Pfarrern und Kirchenvorstand einig zu sein.
Etwas weniger Diskussionsraum steht im römisch-katholischen
Gottesdienst zur Verfügung, im Hinblick auf den sich Papst
Johannes Paul II 1997 in den »Instruktionen zu einigen Fragen
über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester«
(Liberia editrice Vaticana) deutlich geäußert hat und
die Erzbischof Johannes Dyba u.a. wie folgt kommentierte:
»Hier geht es nicht um eine Wende zurück, sondern um
die klare Erkenntnis der sakramentalen Natur der Kirche, die ausschließt,
dass ein Priester in seinem Wirken durch Laien ersetzt werden könne
- bis hin zu der völlig in die Irre führenden Maxime,
dass der Priestermangel eine ‘Chance’ für die Laien
sei.« (Dyba, 1997)
Auch in dieser Frage wollen wir hier pragmatisch
sein und keine Grundsatzfragen aufwerfen, wo seit Jahren erfolgreich
Jugendgottesdienst in dieser oder jener Form gefeiert wird.
Das Problem ist in der Regel ein ganz anderes: Jugendliche werden
nicht daran gehindert, eine bestimmte Form von Gottesdienst zu feiern,
sondern niemand ist da oder ergreift die Initiative, solche Gottesdienste
anzubieten.
Einer der Gründe hierfür ist sicherlich,
dass man mit Jugendgottesdiensten ganz schön auf die Nase fallen
kann. Im Kigo haben wir fast eine Erfolgsgarantie: Wo Kindergottesdienst
mit Liebe und Ideen angeboten wird, kommen auch Kinder - und sind
zufrieden.
Aber auch der innovativste Jugendgottesdienst kann faktisch unter
Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden: niemand kommt.
Das liegt dann keineswegs nur an den vielen alternativen Angeboten
(die es ja beileibe nicht überall gibt), am Wetter oder an
der falschen Uhrzeit: es liegt in aller Regel tatsächlich am
Desinteresse. Da ist es etwas einfach formuliert zu sagen:
»Der Gottesdienst ist dasjenige Geschehen, das jedem genannt
werden muss und zu dem jeder gebeten werden soll, der danach fragt,
was den christlichen Glauben an Gott von einer weithin verbreiteten,
allgemeinen Religiosität unterscheidet.« (Heise, 1987)
Klar braucht es den Gottesdienst - aber wenn doch niemand kommt?
Wir kommen wie immer - und zum Glück -
an der Gemeinde nicht vorbei. In ihr funktionieren niemals nur Einzelveranstaltungen,
sie sind immer eingebunden in ein (Erfahrungs-) Netz. Deshalb ist
es so wichtig, den Jugendgottesdienst gemeinsam zu planen mit Angeboten
der Kinder- und Jugendarbeit, des kirchlichen Unterrichts, der Schule.
Völlig richtig formuliert Peter Cornehl
(1996: 302):
»Die Kirche nimmt die einzelnen ernst, indem sie respektiert,
dass sie ihr Verhältnis zum Gottesdienst selbst bestimmen und
über das Maß an Distanz und Nähe selbst entscheiden.
Im Gottesdienst wird sie alles tun, um die Menschen zu beteiligen,
indem sie ihren Themen und Erfahrungen Raum gibt und die Individuen
ermutigt, ihren Glauben selbst zur Sprache zu bringen.«
All diese Offenheit ist aber erst möglich,
wenn ein grundsätzliches Interesse am Gottesdienst geweckt
worden ist.
Und dies geht nicht ohne die Zielgruppe selbst:
»Eine Religionspädagogik des Jugendalters wird beweisen
müssen, dass sie nicht nur dem Fortbestand von Kirche, Tradition
und Gesellschaft dient oder zur Effizienzsteigerung religionspädagogischer
Praxis beiträgt, sondern dass sie das Subjektwerden Jugendlicher
zu unterstützen vermag.« (Schweitzer 1998: 16)
Selbst ein moderner Missionar wie Pete Ward
weiß (1998: 140), dass ein pflichtbewusstes Angebot der Kirche
alleine nicht mehr reicht:
»Es kommt gar nicht so selten vor, dass Jugendliche niemanden
in ihrer Familie oder Gegend kennen, der überhaupt etwas mit
Christsein am Hut hat. Wer sich in einer solchen Umgebung zum christlichen
Glauben bekennt, leistet Pionierarbeit.
In dieser Hinsicht sind wir auf die Führung und Anleitung der
Jugendlichen angewiesen. Sie müssen uns zunächst darüber
aufklären, welche Fragen überhaupt relevant sind, bevor
wir uns Antworten dazu einfallen lassen. Zusammen mit Jugendlichen,
die sich als Freunde zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben,
müssen wir herausfinden, wie der christliche Glaube in einem
bestimmten kulturellen Umfeld sinnvoll ausgelebt werden kann.«
Eine wichtige Bedingung für den Gottesdienst,
der Jugendliche erreicht, hat Günter Ruddat (1998: 7) formuliert:
»Wenn Gottesdienst nicht nuProzess in der 'fremden Heimat
Kirche' angesagt ist.
Diese freien Räume sollen in mehrfacher Hinsicht zu einem 'Probe-Wohnen
auf Zeit' im Kirchen-Raum einladen.«
r in der Jugendzeit - etwa aus der Erinnerung an den kirchlichen
Unterricht - 'heimlicher Lehrplan' der Wahrnehmung von Kirche ist,
dann wird Gottesdienst mit Jugendlichen in all ihren spezifischen
Kulturen und Kontexten in besonderer Weise Frei-Räume und Spiel-Räume
eröffnen helfen, in denen Christsein als offenes Projekt und
als integrativer
Für uns heißt das: Wo immer es eine Chance gibt, dass
Jugendliche Gottesdienst feiern wollen, sollten sie darin von der
Gemeinde oder von übergemeindlichen Diensten unterstützt
werden. Dabei ist es unwichtig, ob sich die Gemeindepastorin oder
ein Diakon, ein Jugendpfarrer oder eine Kirchenvorsteherin, der
Zivi oder ältere Jugendmitarbeiter selbst hauptverantwortlich
fühlen. Wichtig ist, dass Jugendlichen religiöses Leben
in der Kirche ermöglicht wird.
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