|
(Kapitel 2)
Das Thema des Jugendgottesdienstes
Erstes Treffen der Vorbereitungsgruppe. Erst mal allgemeines Palaver,
vielleicht gibts ein paar Teilchen (oder wenigstens die typischen
dänischen Staubkekse aus der Metalldose...), Cola - und dann?
»Wir brauchen als Erstes ein Thema«, wird es dann heißen.
Also Stichwortsammlung auf Zuruf: Ausländer, Schulprobleme,
Jesus, BSE.
Eine solche Themenliste hat etwas Beliebiges an sich. Und der Soziologe
würde viele »sozial erwünschte Antworten«
ausmachen, sprich: da wird genannt, was man eben so in der Kirche
nennt. Es muss nicht wirklich das drängendste Thema sein -
denn das, meint man, eignet sich auch gar nicht: wenn es gerade
um die neue Verhandlungsrunde zur Taschengelderhöhung geht,
um die Scheidung der Eltern, den geplatzten Traum vom Leben als
Tennisprofi. Meint man.
Für den ersten Jugendgottesdienst einer
geplanten Reihe ist die Bearbeitung eines Lieblings- oder Standardthemas
sicherlich nicht verkehrt. Sind viele Mitwirkende ohne große
Vorerfahrungen im Team, möchte man ja vielleicht auch einfach
auf viel vorhandenes Material zurückgreifen.
Einzelgottesdienste werden häufig thematisch
vorbestimmt sein: zum Beispiel wenn der Jugendgottesdienst am Ende
des Themenblocks »Schöpfung« im Konfirmandenunterricht
stehen soll, beim Gottesdienst auf einem kirchlichen Seminar oder
im Rahmen einer Freizeit.
Und natürlich kann man auch ganz auf ein Thema im engeren Sinne
verzichten: Wenn zum Beispiel die Musik in den Vordergrund gestellt
werden soll oder eine »erweiterte Andacht« vorbereitet
wird. Oder wenn sehr verschiedene »Beiträge« in
einem Gottesdienst Platz finden sollen (mehr dazu in Kapitel 3).
Ansonsten aber sollte der Vorbereitungskreis
für sich eine Methode finden, Themen auch als Herausforderung
für die Bearbeitung anzunehmen: also nicht schon am Anfang
wissen, was Sache ist, sondern sich einem Thema, einer Fragestellung
langsam nähern.
Deshalb gibt es für jeden Sonn- und Feiertag einen vorgeschlagenen
Predigttext (siehe Anhang): damit die Prediger nicht immer nur ihre
Lieblingsthemen bearbeiten, sondern sich konkret herausfordern lassen
von dem, was die Bibel zu sagen hat. Wenn auch die meisten Bibeltexte
verschiedene Themen zur Vertiefung anbieten (weshalb die Predigten
über den selben Text so unterschiedlich ausfallen).
Eine Material- und Ideensammlung zu jedem Predigttext
bietet die Buchreihe »Gottesdienst für Jugendliche«
von Hans-Martin Lübking. Wer sich also von der Bibel herausfordern
lassen möchte, ihre Aussagen Jugendlichen zugänglich zu
machen, der könnte sich einfach an den für die entsprechende
Woche vorgeschlagenen Bibelversen versuchen (zu Details siehe Kapitel
4).
Für den Vorbereitungskreis ist in jedem
Fall wichtig, dass er sich zunächst einmal völlig offen
selbst mit dem gestellten Thema, mit den Texten oder sonstigen Materialien
dazu beschäftigt.
Die Versuchung ist nämlich groß, direkt zur (wiederum
sozial bzw. kirchlich erwünschten) Aussage zu kommen. Thema
Randgruppen - Aussage: bitte nicht ausgrenzen, wir alle haben unsere
Macken - oder ganz biblisch: »Nehmet einander an« (Römer
15, 7), »Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt«
(1. Johannes 4, 19).
Doch mit dem direkten Weg zur gottesdienstlichen
Aus-sage (oder auch der Wahl einer Aktions-Methode) würde die
wichtige Chance verpasst, erst einmal die Zweifel zu sammeln, die
Widersprüche, die Neins.
Denn das ist es ja gerde, was der »pädagogisch-erbauende«
Aspekt des Gottesdienstes möchte: die Bibel und ihre Aussagen
erklären, in heutigen Bezug setzen und Fragen, die der Gottesdienstbesucher
dazu (vermutlich) hat, beantworten.
In der Vorbereitungsgruppe sollte daher ohne jeden Vorbehalt über
Themen und Texte gesprochen werden können. Das kann durchaus
auch mal heftig werden - was den Verantwortlichen / Leiter als Moderator
besonders fordert. Wir sollten im Jugendgottesdienst nicht die Diskriminierung
von Politikern und Lobbyisten nachahmen, die gerne alles, was ihnen
nicht in den (ideologischen) Kram passt, als »Stammtischgeschwätz«
abtun.
Bleiben wir mal bei der Nächstenliebe.
Da soll ein Jugendgottesdienst in der »Woche der Brüderlichkeit«
gefeiert werden, das Thema ist damit durch das jeweilige »Motto«
vorgegeben, z.B. 2001: ».... denn er ist wie du«.
Natürlich kann man gleich die (üblichen) Aussagen zusammentragen
(»Mach meinen Kumpel nicht an«, »Mein Freund ist
Ausländer«, »Wir sind alle Ausländer - fast
überall« - oder gar, ganz dumpf: »Wir brauchen
die Ausländer«).
Nur: Was ist damit erreicht? Die zentrale biblische Aus-sage ist
klar, aber ihre Vermittlung? Viele Haupt- oder Gesamtschüler
werden da ganz andere Einschätzungen haben. Denn sie werden
vielleicht von einer »Kanaken-Gang« tyrannisiert, kloppen
sich regelmäßig mit russischen Aussiedlern oder haben
einfach Schiss vor dem polnischen Klan - und zwar auch als Nicht-Deutsche.
Die Jugend(sozial)arbeit hat längst erkannt,
dass man hier nicht mit freundlich-intellektuellen Empfehlungen
weiter kommt. Ohne jetzt ins Detail zu gehen:
Die Chance dieses Jugendgottesdienstes läge gerade darin, die
Alltagserfahrungen solcher Jugendlicher aufzugreifen, sie selbst
zu Wort kommen zu lassen, Ängste klar zu benennen und an der
Situation nichts zu beschönigen.
Dann erst kann dem Liebesgebot (3. Mose 19,18; 5. Mose 6,5; Markus
12, 29-31) eine konkrete Aufgabenstellung entnommen werden - und
erst damit kann der Jugendgottesdienst tatsächlich etwas bewirken.
Zweifel und »Das sehe ich aber ganz anders«
- Positionen sind für die Vorbereitung daher sehr hilfreich.
Man sollte sie geradezu provozieren oder suchen: Ein übliches
Verfahren wären Mini-Interviews unter Freunden, Klas-senkameraden
oder auch einfach auf der Straße: »Was hältst du
von der Aussage ...?« »Kennst du ....?«
Wenn das Thema steht - ob ausgehend von einem
Schlagwort oder von einem biblischen Text - und das Vorbereitungsteam
in vielen Schritten Positionen und konkrete Beispiele gefunden hat,
geht es an die gottesdienstliche Umsetzung - und wirklich erst dann.
Natürlich fällt einem bereits vorher
ein, welches Lied zum Thema passen könnte, dass man da mal
irgendwo einen tollen Text gelesen hat, oder dass die Gottesdienstteilnehmer
doch dies oder das tun könnten. All solche konkreten Umsetzungs-
oder Gestaltungsideen werden gesammelt, aber man sollte sich noch
auf nichts festlegen (»design follows content« oder
»form follows function«).
|