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(Kapitel 4)

Sich auseinandersetzen mit einem Bibeltext

1.1 Umwelt und Zeitumstände
Große Menschen sind nicht zuletzt Kinder ihrer Zeit. Für »große Texte« gilt das Gleiche. Sie und auch die in ihnen vorkommenden Figuren sind nicht aus sich selbst heraus zu verstehen, sondern nur über den Kontext, die Zeitumstände und die Umwelt. Zunächst muss man ganz grob fragen:
Wo und wann? In welchem Land / in welcher Region dieser Erde befinden wir uns? Welches Jahr schreiben wir? Wodurch sind Zeit und Ort gekennzeichnet? Wie ist die politische und wirtschaftliche Lage? Wer herrscht? Wer hat die Macht? Wer kommt eventuell zu kurz? Spielt die Geographie eine Rolle? Was sind die vorherrschenden Konflikte in dieser Zeit? Was ist den Menschen dieser Zeit besonders wichtig gewesen?

1.2 Form und Zusammenhang
Die Form oder die Art einer Geschichte sagt oft einiges über ihren Sinn und Zweck aus. Wenn Jesus beispielsweise seinen Jüngern etwas erklären will, dann bedient er sich eines Gleichnisses oder einer Beispielgeschichte. Er schreibt dann keinen Brief oder sagt ein Gedicht auf. Natürlich ginge das irgendwie auch, aber naheliegender ist das Erste. Im Vorbereitungskreis wäre also zu klären, welcher Art oder Form der vorliegende Text ist. Jetzt muss niemand genau wissen, wie man das mit Fachbegriffen bezeichnet. Es reicht einfach, wenn man so ungefähr sagen kann, was es ist - so etwas wie ein Märchen oder so etwas wie eine Rede. Um bei dem Beispiel oben zu bleiben: Wenn ihr bei der Geschichte, in der Jesus etwas erklärt, sagen könnt, das ist ein Gleichnis oder etwas ähnliches, ist das o.k.. Wenn es am Ende eine Allegorie (eine verwandte Gattung) sein sollte, dann kümmert das die Vorbereitung nahezu gar nicht. Man muss nur in etwa einordnen können, welchen Sinn und Zweck der Text hat - und dieser Weg erschließt sich über die Gattung.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der in diesem Zusammenhang beachtet werden muss, und der auch Schlüsse über Sinn und Zweck des Textes erlaubt, ist das Einordnen in den Gesamtzusammenhang der Schrift, in der sich der Text befindet. Das heißt, um noch einmal das Gleichnis zu bemühen: Der Vorbereitungskreis müsste schauen, was davor und danach kommt und an welcher Stelle es in das Evangelium eingeordnet ist.

1.3 Autor
An das Vorherige schließt sich die Frage nach dem Autor des Textes an. Was muss das für einer gewesen sein, der einen solchen Text geschrieben hat? Was war sein Beruf oder seine Stellung? War er weise und belesen oder eher einfach gestrickt? War er ein Priester, ein Beamter, ein Fan? Was muss ihn bewegt haben, den Text zu schreiben? Welche Interessen und Absichten hatte er dabei? In welcher Situation befand er sich? War er auf der Reise, in Gefangenschaft, auf der Flucht?

1.4 Lauf der Dinge
Jetzt kommt erst der Schritt, den man ganz am Anfang hätte erwarten können. Natürlich hat sich jeder und jede den Text schon einmal durchgelesen und sich auch eigene Gedanken dazu gemacht. Nun wird aber noch einmal zusammen und ganz intensiv der Text gelesen. Am leichtesten geht das, wenn man sich an der Verszählung orientiert und Vers für Vers mit der Betrachtung vorgeht. Jetzt muss geschaut werden, was hier eigentlich genau geschieht. Dabei können auch die kleinsten Einzelheiten wichtig sein. Welche Personen sind überhaupt mit von der Partie? Wie werden sie dargestellt? Wo spielt die Handlung? Wie ist der Lauf der Ereignisse? Wo geschieht etwas Überraschendes? Was wird wie beschrieben oder dargestellt? Wer erzählt das Ganze? Wie wird es erzählt? Was ist Gegenstand der Erzählung? Um was geht es?

1.5 Konkretion
Alles bliebe unvollkommen, würde nicht am Ende gefragt: Was will uns diese Geschichte sagen? Zum einen muss natürlich allgemein der Gehalt des Textes beschrieben werden. Später im Jugendgottesdienst ist es ungemein wichtig, dass man sagen kann, was die Kernaussage des Textes ist und was daraus folgen könnte. Zum anderen ist da das persönliche Fazit, das jeder und jede selbst treffen muss. Was bedeutet mir der Text? Was sagt er mir? Wo berührt er mein Leben? Dass da sicherlich ganz unterschiedliche persönliche Ansichten zum Tragen kommen, ist klar. An der Stelle kann man niemandem etwas vorschreiben und es ist unangebracht zu sagen, du musst aber dies so glauben oder jenes anders sehen. Man kann Vorschläge machen, indem man wie oben beschrieben erklärt, was nach der eigenen Meinung die Aussage des Textes ist. Und man kann von sich erzählen, wo der Text im eigenen Leben seinen Platz hat.

Die Diskussion um die Bedeutung eines Textes wird die Grundlage für die Ausarbeitung des Jugendgottesdienstes bilden. Es kann daher auch nicht um Abstimmungen gehen. Zweifel und Fragen, die im Team aufkom-men, werden auch bei den Gottesdienstteilnehmern später aufkommen. Wenn das Jugo-Team einen langen Prozess durchmacht, bis es gemeinsam mit einem Bibeltext etwas anfangen kann, ist die Herausforderung, diesen Prozess im Zeitraffer - und mit den erlaubten Aussparungen - im Jugendgottesdienst zu wiederholen. Denn auch die Besucher wollen nicht einfach fertige Statements von euch. Sie wollen selbst Schlüsse und Konsequenzen ziehen, glauben oder zweifeln.

Methodisch ist es ratsam, die Vorbereitung zu »protokollieren«: Da können Listen entstehen mit Stichpunkten zum heutigen Bezug, zu möglichen Aussagen und Deutungen, zu allem Unbehagen, das Einzelne mit dem Text hatten.

1.6 Hilfen
»Sie hätten jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.« Damit diese Erkenntnis hoffentlich erspart bleibt, ein paar Hinweise: Das, was oben beschrieben wurde, ist natürlich Handwerkszeug eines jeden Theologen. Das heißt, jeder Pfarrer und jede Pfarrerin und andere mit einer theologischen Ausbildung können hier weiter helfen. Ebenso gibt es in jeder Gemeinde viele Interessierte, Presbyter und Kirchenvorsteher, die sich auch gut auskennen. Das sind die »Humanressourcen«, die unterstützen können (immer vorausgesetzt, dass nicht schon ein Pastor zum Vorbereitungskreis gehört; dann erübrigt sich einiges).

Eine andere Möglichkeit ist die Literatur, die unter anderem in einer gut sortierten Gemeindebibliothek oder einen Pfarramt greifbar sein sollte. Wir geben im folgenden keine konkreten Literaturangaben, sondern jeweils die Gattung des Buches an. Man wird sich eh an dem orientieren müssen, was an Literatur verfügbar ist. Für ganz Interessierte gibt es natürlich auch die öffentlichen Büchereien, vor allem Universitätsbibliotheken, oder die kircheneigenen Sammlungen (»Mediothek«, Religionspädagogisches Institut u.a.).

Da sind für den Einstieg die so genannten Erklärungsbibeln sehr beliebt - vor allem, weil sie leicht verständlich sind, auch für jemanden, der kein großes Vorwissen hat. Das ist eine normale Bibelausgabe mit kommentierenden Einschüben, meistens zu jedem Sinnabschnitt. Eine weitere gute Hilfe sind Kommentare, wenn auch meistens schwierig zu verstehen, weil sie sich an Leute richten, die schon Ahnung haben. Kommentare gehen noch feingliedriger vor, indem sie für jeden Vers einer Schrift Anmerkungen geben. Die “Einleitungen” oder “Einführungen” sind meist für einen der beiden Teile der Bibel geschrieben. Darin finden sich kurz und knapp die wichtigsten Informationen zu Autor, Form und Zeitumständen eines biblischen Buches. Einzelstichwörter, die Schwierigkeiten bereiten, schaut man am besten in einem theologischen Lexikon nach.



Dies ist ein Ausschnitt aus folgendem Buch:

Christoph Urban / Timo Rieg (Hrsg.)
Jugendgottesdienst 2.0
- Ein interaktives Handbuch. Methoden, Module, Komplettentwürfe zur Planung und Durchführung

Das Handbuch für Ehrenamtliche und ihre hauptamtlichen Begleiter, durchweg so erarbeitet, dass ältere Jugendliche selbstständig damit Jugendgottesdienste vorbereiten können.

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