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(Kapitel 4)

Kernaussagen treffen / Verkündigung

Die Predigt ist die »heilige Kuh« des protestantischen Gottesdienstes. Sie wird gemeinhin als sein Zentrum angesehen. Und wenn es auch hier und dort Versuche gibt, davon ein wenig abzurücken, so bleibt sie doch weiterhin die alles bestimmende Ausdrucksform dessen, was man Verkündigung nennt.

Der Jugendgottesdienst hat hier einmal mehr die Chance das zu tun, was ohnehin schon alle fordern, nämlich die gottesdienstliche Verkündigung auf deutlich mehr Schultern zu verlagern, als auf eine 15-minütige Predigt. Das setzt keine neuen Formen oder Gottesdienstmodule voraus, sondern ein Umdenken bei den alten Formen - genauer eine größere Wertschätzung. So werden die übrigen Module eben nicht mehr als zarte Pflänzchen, gemeinsam zur Sonne Predigt hinstrebend, angesehen, sondern in ihrem eigenen Wert gewürdigt.

Das hört sich abstrakt an und das ist es zunächst auch. Es geht um die andere Sicht der Dinge.

Ein Beispiel (nicht erfunden): »Das war aber keine Predigt!«, sagt ein Kirchenvorsteher, nachdem er den Worten einer Jugendlichen zugehört hatte, die soeben ihre Gedanken zum Thema im Jugendgottesdienst vorgetragen hat. So, als gelte es etwas klarzustellen, sagt er das. Die Jugendliche beginnt sofort sich zu rechtfertigen: Sicher, das eine oder andere hätte man noch sagen müssen und das auch noch mal deutlicher, so wie es der Pfarrer getan hätte.
Aber stopp, zurück: Hatte irgendjemand von Predigt gesprochen, etwa gesagt: »So, liebe Jugendgottesdienst-Leute. Jetzt kommt die Predigt«? Und hatte sich diese Jugendliche nicht gerade vor die versammelte Mannschaft gestellt und ihre Sicht eines Bibeltextes erzählt und was er für sie bedeutet? Und hatte sie dabei nicht auch einige persönliche Dinge von sich preisgegeben und die stille Anerkennung und den Respekt der meisten Jugendlichen geerntet?
Warum war das nicht gut? Und wenn es eigentlich doch gut war, warum war es dann uneigentlich nicht gut, nur weil es keine Predigt war? Fragen über Fragen, auf die noch nicht einmal der Kirchenvorsteher eine Antwort weiß.

Es ist natürlich Quatsch, wenn der Kirchenvorsteher Maßstäbe einführt, die die Jugendlichen an sich selbst nicht gestellt haben. Zumal wir ihm wohl unterstellen dürfen, dass seine Befindlichkeit nicht nur mit dem »Was« sondern auch mit dem »Wer« zu tun hat, denn die Predigt ist die pastorale Bastion - und dafür kann kein Jugendlicher was.

Wer also im Jugendgottesdienst die »Verkündigung« nicht dem Pfarrer überlässt, muss notwendigerweise - und dafür können die Pastores oft am wenigsten, wie das Beispiel des Kirchenvorstehers zeigt - mit Gegenwind rechnen.
Das alles zeigt aber nur die ungeheure Überfrachtung des Begriffs »Predigt«, übrigens auch zum Leidwesen vieler Pfarrer, die gerne mal etwas Neues wagen wollten. Man tut gut, sich nicht von den vielfältigen Ansprüchen (vor allem der Leute - keine Jugendlichen - , die schon im Hauptgottesdienst nicht das bekommen, was sie suchen) vereinnahmen zu lassen.
In manchen Fällen nimmt eine Sprachregelung den Wind aus den Segeln. So heißt die »Predigt« halt Ansprache, so wie der Jugendgottesdienst »Jugendandacht« heißen könnte. Das ist aber nur die zweitbeste Lösung, denn sie zieht natürlich Grenzen, wo keine sein dürften.

Mehr noch müsste es darauf ankommen, ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, was die Idee des »Priestertums aller Gläubigen« praktisch bedeutet. Auf den Jugendgottesdienst gemünzt, dass ein Vorbereitungskreis oder Einzelne aus diesem selbstverständlich sagen, was sie von einem biblischen Text oder einem Thema halten, was ihnen daran wichtig ist, wie sie es verstehen und was es für sie persönlich und auch für andere bedeuten könnte.
Mehr kann die Predigt übrigens im Hauptgottesdienst auch nicht sein: ein Bekenntnis »So sehe ich die Sache«. Dass jemand mit entsprechender Ausbildung noch eine ganze Menge an Handwerkszeug und Wissen einbringt, steht ja nicht zur Diskussion. Aber die Berechtigung, mit den eigenen Mitteln von seinem Glauben etwas preiszugeben, hat jeder.
Wie Eingangs gesagt, muss das Ziel sein, mit den verschiedenen Elementen des Gottesdienstes die Botschaft rüberzubringen. So müssen beispielsweise Beteiligungsaktionen immer auch darauf überprüft werden, was ich damit vermittele; was ich vermitteln kann und will.
In passenden und gehaltvollen (ob ausgesucht oder selbst geschrieben) Gebeten und Texten kann ebenfalls deutlich werden, worauf es ankommt. Ein gutes Anspiel oder ein anderer Beitrag (Kurzfilm, Hörbeitrag) kann auch genau das leisten. Mahlgemeinschaften oder Zeichenhandlungen werden diese Botschaft spürbar machen oder sinnlich unterstreichen. Wie gesagt, es muss nichts neu erfunden werden. Es geht nur darum, das auch schon in der Vorbereitung in den Blick zu nehmen.
Als Darstellungsform für die »Wort-Verkündigung« ist die Rede oder Ansprache nur eine mögliche. Das Ganze könnte beispielsweise auch im Gespräch geschehen: Zwei oder mehrere Leute »unterhalten« sich langsam und deutlich über einen Text oder ein Thema.

Das ist übrigens im Hauptgottesdienst auch nicht unüblich (Dialogpredigt). Weit kreativere Formen sind möglich, nämlich in Verbindung mit anderen bekannten Gottesdienstelementen, wie zum Beispiel einem Anspiel. Den Medien fällt hier ebenfalls eine vermittelnde Rolle zu. So könnte die Botschaft unter anderem in Form eines Video-Clips daherkommen.




Dies ist ein Ausschnitt aus folgendem Buch:

Christoph Urban / Timo Rieg (Hrsg.)
Jugendgottesdienst 2.0
- Ein interaktives Handbuch. Methoden, Module, Komplettentwürfe zur Planung und Durchführung

Das Handbuch für Ehrenamtliche und ihre hauptamtlichen Begleiter, durchweg so erarbeitet, dass ältere Jugendliche selbstständig damit Jugendgottesdienste vorbereiten können.

Tipps und Vorbereitungsmethoden, Organisationshilfen, eigenes Kapitel Beteiligungsaktionen, über 50 komplette Gottesdienstmodule.

"Neue Vorbereitungskreise werden hier genauso brauchbare Ideen finden wie langjährige Mitarbeiter" (Radio Vatikan)

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(ISBN 3-928781-02-2)


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