termine












Arbeitshilfen >> Jugendgottesdienst 2.0 >> Buch online

(Kapitel 5)

Politische Aktionen



Öffentliches Statement
Die Gottesdienstteilnehmer äußern sich öffentlich oder an einen bestimmten Adressaten mit ihrer persönlichen Einschätzung zu einem Thema.

Zeit: 20 Minuten
Gruppengröße: beliebig
Aufwand Vorbereitung: mittel

Ziel:
Die Meinungsäußerung soll von vornherein nicht im Gottesdienstraum bleiben, sondern kund getan werden.

Material:
Die Materialien hängen sehr von der Ausgestaltung im Gottesdienst (siehe unten) ab. Das kann von der Unterschriftenliste bis zum Laptop mit Internet-Zugang gehen.

Vorbereitung:
Es müssen nur die Medien vorbereitet werden: beispielsweise ein einheitlicher Briefkopf für ein Protestschreiben.

Im Gottesdienst:
Nachdem das Thema im wesentlichen »bearbeitet« worden ist, sollen die Teilnehmer ihre Meinung äußern. Dies kann einzeln oder in kleinen Gruppen geschehen. Es sind alle Medien denkbar. Klassisch wäre ein Protestbrief. Hier könnte ein einheitlicher Briefkopf mit Empfängeradresse (z.B. eine Regierung) vorbereitet werden, der Briefinhalt kommt dann handschriftlich dazu.

Briefe können auch direkt aus dem Gottesdienst an die entsprechende Nummer gefaxt werden. Sollen die Statements in einem Internet-Forum veröffentlicht werden, sollte die Eingabe an einem Online-PC direkt im Gottesdienst erfolgen - evtl. tippt ein Mitarbeiter dazu die handschriftlichen Beiträge der einzelnen Gottesdienst-teilnehmer ab. Auch ein Videoband mit - ausgewählten - Statements einzelner Jugendlicher aus dem Gottesdienst ist möglich.

Beispiel:
Auf der Straße vor dem Gemeindehaus gab es unlängst einen Unfall mit einem Kind, das zu einer Jungschar-Stunde gehen wollte. Der Gottesdienst geht daher der Frage nach, wie oft das Leben oder die Lebensqualität hinter »trivialen« Ansprüchen wie Mobilität und Geschwindigkeit zurückstehen müssen oder von Politik und Bürokratie außer Acht gelassen werden. Der Jugendvorstand der Gemeinde fordert Tempo 30 in der ganzen Stadt und eine Ampel vor dem Gemeindehaus. Die Gottesdienstteilnehmer unterstreichen dies mit ihren individuellen Briefen.

Tipp:
Wenn es eine Aktion der Gemeindejugend an sich sein soll, wird man auf eine gewisse »Zensur« vor der Veröffentlichung oder Weitergabe der Statements nicht verzichten können, um dem Anliegen nicht mehr zu schaden als zu nützen. Dies müsste auf alle Fälle vorher erläutert werden (z.B. »Keine Beleidigungen«).

positiv:
Die Teilnehmer werden politisch aktiv, kirchliche Jugend artikuliert sich.

kritisch:
Auch wer eigentlich anderer Meinung ist macht evtl. mit. Manche Statements lösen Reaktionen aus, die überhaupt nicht vorhersehbar waren (z.B. Ärger mit der Kirchenleitung).

2 Löchern
Zu einem Thema werden Vertreter, die voraussichtlich verschiedener Meinung sein werden, eingeladen. Die Gottesdienstteilnehmer können ihnen nun Fragen ohne Ende stellen.

Zeit: 20 Minuten
Gruppengröße: beliebig
Aufwand Vorbereitung: groß

Ziel:
Authentische Personen sollen möglichst viele Argumente für ihre Position benennen. Die Jugendgottesdienstbesucher können daran ihre eigene Meinung entwickeln, hinterfragen und einschärfen. Zudem können sie den Gästen ihre Voten mit auf den Weg geben.

Vorbereitung:
Die Vertreter der einzelnen Positionen (z.B. zum Thema Pro und Contra Wehrpflicht ein Politiker aus der Stadt, ein Soldat und ein Pfarrer aus der Beratung für Kriegsdienstverweigerer) müssen für eine Teilnahme am Got-tesdienst gewonnen werden.

Im Gottesdienst:
Eine Moderatorin führt (noch mal) ins Thema ein und stellt die Vertreter der unterschiedlichen Standpunkte vor. Danach können die Gottesdienstteilnehmer den Kandidaten Löcher in den Bauch fragen. Jede Frage wird dabei nacheinander von allen Kandidaten beantwortet, wobei die Reihenfolge wechseln sollte. Die Zeit für eine Antwort muss strikt begrenzt sein (z.B. auf 30 Sekunden).

Beispiel:
Es geht um Mitbestimmung in der Kirche. Sollen künftig auch Kinder den Kirchenvorstand / Pfarrgemeinderat wählen dürfen? Zum »Löchern« könnten hier ein Kirchenvorstand, eine Jugendmitarbeiterin, eine Kindergarten-Mutti und ein Pfarrer eingeladen werden.

positiv:
Hier ist nichts vorgeplant, die Meinungs-Vertreter müs-sen spontan reagieren, konkrete Fragen haben sich aus dem Gottesdienst entwickelt.

kritisch:
Was als Fakten genannt wird, lässt sich nicht direkt überprüfen. Wer rhetorisch gewandt ist, kann auch ohne gute inhaltliche Aussagen punkten.

Und sonst?

Politische Aktionen dienen oft dazu, Gottesdienstinhalte nach außen zu tragen. Sie sind dann eine »Einmischung in die Gesellschaft«, ein Zeichen für die christliche Weltverantwortung. Das können - und müssen manchmal - tatsächlich die ganz großen Themen sein: Wie verhält sich die Kirchenjugend zu einem »Vergeltungsschlag«, dem Bombardement eines Landes oder einer Stadt? Gibt es eine Position zum Streit zwischen Israelis und Palästinensern? Ist es ein Jugend(gottesdienst)thema, wenn Obdachlose aus der City verbannt werden, Kindergärten geschlossen werden oder der Religionsunterricht flächendeckend entfällt?
Das zentrale Motto der »Agenda 21« heißt: Global denken - lokal handeln. Das gilt meist auch für unsere Aktionen. Gegen den Flughafenausbau zu sein ist einfach - aber wenig glaubwürdig, wenn man selbst gerne privat oder gar mit der Jugendgruppe auf dem Luftweg sein Urlaubsziel erreicht. Keine Mülldeponie bei uns - aber
bei wem dann? Politische Aktionen im Rahmen von Got-tesdiensten eignen sich nur, wenn mit einem sehr großen Konsens zu rechnen ist oder die Veranstalter der Überzeugung sind, dass es nur eine richtige christliche Entscheidung in der vorliegenden Sache gibt: Gegen die (faktische) Abschaffung des Asylrechts beispielsweise. Gegen die Spätabtreibung Behinderter. Für Gleichberechtigung etc.

Politische Aktionen sollen nicht nur den Gottesdienst-teilnehmern in Erinnerung bleiben - sie haben stets eine Außenwirkung zum Ziel. Die oben beschriebenen »Öffentlichen Statements« sind im Prinzip ein Überbegriff, denn mit jeder politischen Aktion will eine Gruppe auf sich, ihr Anliegen, ihre Meinung aufmerksam machen - wenn das auch manchmal im Rummel der PR-Kampagne nicht mehr so sichtbar ist.

Am häufigsten in den Medien präsent sind »Standard-Aktionen«: der Streik oder die Demo. Ausgefallener - wenn auch einem strikten Muster folgend - sind Medien-Aktionen von Greenpeace: auch sie dienen mit ihren spektakulären Auftritten nur dazu, die Aufmerksamkeit auf die eigene Position zu lenken. Das Schlauchboot vor dem Walfangschiff will und kann ja nicht wirkungsvol-len Walschutz leisten - aber es kann nach dem »David-gegen-Goliath«-Muster Menschen sensibilisieren.

Die Aktion kann der ganze Jugendgottesdienst selbst sein, wenn er »am Ort des Geschehens« oder »beim Stein des Anstoßes« stattfindet: eben im Naturschutzgebiet, das einer Freizeitanlage weichen soll, vor dem Abschiebeknast, auf dem Marktplatz... (Solche »öffentlichen Versammlungen« müssen allerdings zuvor beim Ordnungsamt gemeldet werden.)
Selbst an einem gewöhnlichen Ort wie dem Gemeindehaus kann der Gottesdienst an sich die Aktion sein: Mit hundert Hühnern gemeinsam gegen die Batteriehaltung, oder alle Gottesdienstteilnehmer mit Kopftuch als Zeichen für Toleranz. »Politisch« wird das Ganze dabei wirklich erst durch die Außenwahrnehmung - und dafür brauchts die Medien. Die sollten dann auch ganz direkt und persönlich angesprochen werden, damit sie den Termin nicht verschlafen.
In guten politischen Aktionen wird immer auch jemand einen »Skandal« sehen. Das ist vor allem im Hinblick auf den Gemeindefrieden vorher zu beachten. Nicht alle Pfarrer und Kirchenvorsteher sind unbefangen begeis-tert, wenn Jugend auf die Pauke haut. Allerdings ist es manchmal sogar umgekehrt: Da freuen sich die Erwachsenen, wenn Jugendliche vorpreschen und sie selbst sich ganz bedeckt im Hintergrund halten dürfen, obwohl sie die Sache genauso sehen. Hier ist eher Vorsicht vor Instrumentalisierung geboten.

 




Dies ist ein Ausschnitt aus folgendem Buch:

Christoph Urban / Timo Rieg (Hrsg.)
Jugendgottesdienst 2.0
- Ein interaktives Handbuch. Methoden, Module, Komplettentwürfe zur Planung und Durchführung

Das Handbuch für Ehrenamtliche und ihre hauptamtlichen Begleiter, durchweg so erarbeitet, dass ältere Jugendliche selbstständig damit Jugendgottesdienste vorbereiten können.

Tipps und Vorbereitungsmethoden, Organisationshilfen, eigenes Kapitel Beteiligungsaktionen, über 50 komplette Gottesdienstmodule.

"Neue Vorbereitungskreise werden hier genauso brauchbare Ideen finden wie langjährige Mitarbeiter" (Radio Vatikan)

Kaufen bei 288 S., Paperback A5, 2. Aufl., 14.90 EUR
(ISBN 3-928781-02-2)


Jugendgottesdienst.com ist ein Projekt des Bochumer biblioviel Verlags
© biblioviel Verlag + Agentur für Presse, Buch und Neue Medien