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Was heißt eigentlich
Gottesdienst?
Eine Grundlegung
von Bernd Gieselmann
Wenn wir uns über unsere Erfahrungen mit Gottesdiensten austauschen,
stellen wir fest: Es sind ganz unterschiedliche Erfahrungen. Jeder
und jede bringt eigene Zugänge und Vorstellungen vom gottesdienstlichen
Geschehen mit. Vorstellungen, wie Gottesdienst einem selbst oder
anderen entsprechen könnte und Spaß macht. Einer Meinung
sind wir meistens in der negativen Beurteilung mancher traditioneller
Gottesdienste: zu langweilig, zu alte Lieder, verschlüsselte
Sprache ...
Darüber hinaus erleben wir das gottesdienstliche Geschehen
als solches und den konkreten Gottesdienst mit
seinen Themen und seiner Gestaltung jeder und jede für sich
grundsätzlich ambivalent. Der eine hat mit Gottesdienst überhaupt
nichts am Hut, für die andere ist Gottesdienst ein grundlegendes
Bedürfnis. Für die eine ist das Thema "XY" überhaupt
nicht dran, für den anderen durchaus. Dem einen geht das Ganze
zu nah, der anderen nicht nah genug. Der einen sagt die fetzige
Musik voll zu, dem anderen ein meditatives In-sich-gehen. Und wir
stellen fest, dass das nicht nur eine Frage des Alters ist. Es gibt
genug ältere Menschen, die sich über lebendige Gottesdienste
freuen und mit Jugendlichen ausgelassen mitfeiern.
Ich finde es vor diesem Hintergrund spannend, der Frage nachzugehen,
was Gottesdienst jenseits von individuellem Erleben und von abwechslungsreichen
Inhalten und Formen ausmacht. Was heißt eigentlich Gottesdienst?
In vielfältigen Teams erlebe ich die Auseinandersetzung mit
dieser grundsätzlichen Frage zum Gottesdienst als
einen spannenden und lebendigen Prozess. Ich sehe eine. Chance und
sinnvolle Perspektive darin: Wer sich über das eigene Gottesdienstverständnis
im Klaren ist, kann um so mehr in aller christlichen Freiheit vielfältige
Gottesdienste gestalten, die Menschen wirklich angehen, in denen
Jugendliche, Erwachsene oder andere Zielgruppen wirklich vorkommen.
Ich gehe der Frage in Form von kurzen Thesen nach. Thesen haben
aus meiner Sicht den Vorteil, dass sie nicht
unnötig in die Breite, aber durchaus in die Tiefe führen
können. Es ist der Versuch, eine breite wissenschaftliche
Diskussion zum Thema Gottesdienst in einer Systematik zu bündeln.
Zwei Bücher sind für mich in diesem Zusammenhang besonders
aussagekräftig: Fritz Baltruweit und Günter Ruddat, Gemeinde
gestaltet Gottesdienst; Christian Grethlein, Abriss der Liturgik.
Die Thesen sollen keine allgemeingültigen Wahrheiten sein.
Ich möchte damit vielmehr die eigene Auseinandersetzung, das
eigene Nach-Denken und Weiter-Denken, anregen.
1. Zur Grundlage
Gottesdienst richtet sich in seiner Gestaltung an der heilsamen
Gegenwart Gottes in Jesus Christus aus, an seiner
grenzenlosen Leidenschaft für Mensch und Mitschöpfung.
Grundlegende Bedürfnisse des Menschen wie Selbstverwirklichung,
Gestaltungsfreiheit, soziale Wärme u.a. werden entsprechend
wahrgenommen.
2. Zum Ziel
Eröffnung eines spirituellen Erfahrungsraums, in dem die Wahrnehmung
göttlich-geistiger Wirklichkeit möglich
werden kann. In der Auseinandersetzung mit biblischen Geschichten,
Themen und Menschen öffnen wir uns lebendigen gegenwärtigen
Perspektiven und Heilungs- und Handlungsansätzen für das
eigene Leben und die zeitgeschichtliche Wirklichkeit.
3. Zum Inhalt
Alle Lebensbereiche werden einbezogen. Alle möglichen persönlichen
und gesellschaftspolitischen Themen werden im Horizont biblischer
Geschichten entdeckt, gestaltet und gefeiert. In den biblischen
Geschichten kommen uns Menschen entgegen, die mitten in ihrem Alltag,
mitten in ihren Lebensthemen Gott begegnen in der Gestalt Jesu und
in seiner Geistes-Gegenwart.
4. Zur Gestalt
Gottesdienst vollzieht sich vielfach in symbolischer Kommunikation.
D.h. eine Verständigung über göttliches
Wirken und menschliche Erfahrungen und Lebensäußerungen
erfolgt sinnbildlich. Was sich im Alltag der Welt
real bewähren soll, wird im Gottesdienst - manchmal durchaus
sehr handfest - bereits vollzogen und erfahren.
Gottesdienst soll in seinen Vollzügen grundsätzlich verständlich
sein. Die Mitwirkenden und TeilnehmerInnen
sind mit allen Sinnen, dem Wissen ihres Körpers und ihrem vielfältigen
Ausdrucksvermögen beteiligt.
5. Zur inneren Dynamik
Gottesdienst ist im wahrsten Sinne des Wortes ein spannendes Geschehen.
In vielfältigen Polaritäten ist Bewegung im Gottesdienst
(Mensch - Gott, Meditation - Engagement, Nähe - Distanz, ritualisierte
zwischenmenschliche Vollzüge - spontanes Handeln und Erleben,
Stille - ausgelassenes Feiern, spirituelles Erleben - gegenständliche
Ausdrucksformen, Klage - Lob, Vergewisserung - Infragestellung,
Fest - Alltag usw.).
6. Zum Ablauf
Gottesdienst läuft in der Regel in der folgenden inneren Dynamik
ab: Mit Leib und Seele ankommen (die Eingangssituation gestalten
oder mit einer unvermittelten. Inszenierung beginnen); unsere Wirklichkeit
ausdrücklich oder indirekt im Horizont der biblischen Botschaft
wahrnehmen; Gemeinschaft erfahren/Schalom am Tisch Gottes; mit Gottes
Segenskraft weitergehen; womöglich zusammenbleiben und sich
erneut verabreden.
Was heißt eigentlich Gottesdienst? Jeder und jede kann das
mit den eigenen Erfahrungen, Überlegungen und
Gestaltungen füllen. Die Thesen sollen eine Anregung sein,
dass wir uns mit der Frage nach Grundlage, Ziel, Inhalt, Gestalt,
innerer Dynamik und äußerem Ablauf von Gottesdienst auseinandersetzen.
Aus meiner Sicht ist es eine reizvolle und lohnende Aufgabe, Gottesdienste
mit Jugendlichen und anderen Menschen in christlicher Freiheit und
der eigenen Klarheit zu gestalten und zu feiern - Gottesdienste,
in denen die Menschen mit ihren Erfahrungen (auch mit Gottesdienst),
Themen, Vorstellungen, ihren Ambivalenzen (auch gegenüber Gottesdienst),
ihren Widerständen und Sehnsüchten gleichermaßen
vorkommen, in denen Räume geöffnet und gestaltet werden
für spirituelle Erfahrungen.
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