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"Die musikalische
Entwicklung ist stehen geblieben"
Jugendgottesdienste und Musik
EIN GESPRÄCH MIT JÜRGEN MILKEREIT
JÜRGEN MILKEREIT IST JUGENDKULTURREFERENT
IM KIRCHEN-KREIS BOCHUM UND FÜR DIE BEGLEITUNG DER MUSIKARBEIT
IM BEREICH DER EVANGELISCHEN JUGEND WESTFALENS TÄTIG. ALS FREIBERUFLICHER
MUSIKER IST ER MIT DER CHRISTLICHEN REGGAE-BAND HEAVEN BOUND IN
GANZ DEUTSCHLAND UND DEM BENACHBARTEN AUSLAND ZU KONZERTEN UNTERWEGS.
Die erste Frage bei der Vorbereitung eines
Jugendgottesdienstes heißt: "Haben wir eine Band"?
Warum ist die Musik beim Jugendgottesdienst so besonders wichtig?
MILKEREIT: Für Kinder und vor allem für
Jugendliche ist Musik immer ein ganz wichtiger Teil ihres Lebensalltags:
Musikhören ist die Hauptfreizeitbeschäftigung.
Aber im Gottesdienst geht es um gemeinsames
Singen - und da dürften zunehmend die Alltagserfahrungen fehlen:
Abende mit Klampfe am Lagerfeuer sind irgendwie out.
Es ist nicht so wie vor zwei Generationen, da
wurde die Mundorgel ausgepackt und gesungen. Aber Jugendlichen heute
singen auch - an anderen Stellen. Es hat immer was mit der Umgebung
zu tun. Im Stadion wird doch non-stop gesungen. Und wenn man auf
eine Techno-Fete geht, dann werden bestimmte Refrains auch mitgegrölt.
Aber zwischen "Zieht den Bayern die Lederhosen
aus" und "Komm, Herr, segne uns" liegt noch was.
Klar ist oft eine erste Hürde zu überwinden.
Das merken wir doch immer auf Konfirmandenfreizeiten. Wenn man die
Konfis erst mal gepackt hat, dann bekommen sie Spaß daran
und sind nicht mehr zu bremsen - nicht nur, um die Bettgehzeiten
hinauszuzögern. Allerdings gibt es natürlich auch Jugendliche,
die sich auch bei bestem Bemühen von dem, was sich "Neues
Geistliches Lied" nennt, nicht anmachen lassen. So verschieden
sollten Geschmäcker auch sein dürfen.
Ist dieses "neue" Lied nicht auch
schon wieder sehr alt, Schlager der 70er und 80er, die heute aber
niemand sampeln will?
Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ist
dieser Musiktrend aufgekommen, der sich bis heute gehalten hat und
der kaum noch weiterentwickelt wurde. Gepusht wurde das Ganze damals
vor allem durch den Kirchentag. Allerdings waren schon die damaligen
Bezeichnungen völlig daneben: Beat und Jazz wurde das genannt,
weil es im Gegensatz zum Liedgut des Evangelischen Kirchengesangbuches
Rhythmus hatte. Was seinerzeit von Pit Janssens, Fritz Baltruweit
oder Uwe Seidel komponiert und getextet wurde war prägend -
und findet sich in der Tat heute als top modern im neuen Evangelischen
Gesangbuch; da ist der jüngste Titel auch schon 15 Jahre alt.
Neu an diesen Liedern war und ist bis heute die Begrifflichkeit
der theologischen Aussagen.
Führt das neue Evangelische Gesangbuch
(EG) vielleicht sogar zu einer weiteren musikalischen Verarmung,
weil man nun gar keine Liederzettel mehr nehmen möchte, schließlich
hat man ja das teure Buch angeschafft?
In der Tat stagniert jetzt alles. Die Liederauswahl
im EG ist nicht repräsentativ, auch nicht für den speziellen
Teil der neuen geistlichen Lieder. Bedauernswert ist auch die Aufmachung
- andere Landeskirchen haben durchgängig Akkorde über
allen Liedern, darauf hat man hier in Westfalen verzichtet.
Akkorde über "Ein feste Burg..."?
In anderen Ländern ist man da schon viel
weiter. Da spielen durchaus Band und Orgel zusammen oder wechseln
sich ab. Bei uns wird alles durchgeorgelt - selbst "Bewahre
uns Gott". Die Gitarre, Percussion oder ein Saxophon bedürfen
fast einer Sondergenehmigung. Dabei ist es ja der größte
Irrtum zu meinen, nur die Jugendlichen - die dem Gottesdienst fern
bleiben - wollten mehr Pep in der Kirchenmusik haben. Auch die Erwachsenen
hören überwiegend Einslive oder Lokalradio und nicht die
Klassiksender mit Bach-Fugen. Die sind schließlich selbst
mit den Rolling Stones und Joe Cocker groß geworden - Rocklegenden,
die jetzt in Rente gehen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass
sich in vielen Jugendgottesdiensten mehr Erwachsene als Jugendliche
finden.
Weshalb ja so Wortungetüme wie "Gottesdienst
der Jugend für die Gemeinde" geschaffen wurden, um das
offene Angebot zu verdeutlichen.
Es gibt ein großes Bedürfnis nach
moderner Musik, die unsere Gefühle ausdrücken kann. Wenn
wir einen Gospel-Workshop anbieten rennen uns die Leute die Türen
ein. Deshalb hat ja auch Ten Sing so einen riesen Erfolg. Der Jugendchor,
in dem man "Hewenu shalom" mit Klanghölzern unterlegt
und "Gott gab uns Atem" zweistimmig probiert, ist nicht
mehr der Renner. Ich meine das natürlich nicht einseitig oder
absolut: Wenn ein Projektwochenende mit Probe eines Oratoriums angeboten
wird, stößt das bei Jugendlichen auch auf Interesse.
Warum kann die kirchliche Jugendmusik nicht
wenigstens etwas Schritt halten mit dem kommerziellen Markt, um
Anknüpfungspunkte für die Jugendlichen zu bieten?
In der christlichen Musikszene sind fast alle
aktuellen Musikströmungen vorhanden: Von Hip-Hop über
Techno bis zu Ska und Reggae. Das Konzertangebot ist zwar in den
letzten Jahren auch hier kleiner geworden, was auf die knapperen
finanziellen Mittel im Bereich der Jugendarbeit zurückzuführen
ist, jedoch ist im Gottesdienst-Bereich mit der Orgel als Alleinunterhalter-Instrument
keine aktuelle Musikrichtung spielbar.
Und der Organist stünde wohl auch vor
einem kleinen Problem, sollte er solche Stücke nachspielen...
Wortartistik ist auch von der Gemeinde nicht
zu verlangen. Allerdings stellt moderner Brit-Pop à la Oasis
oder Blur in der Tat härtere Anforderungen an den Musiker als
die üblichen zwei oder drei Akkorde. Da sind Jugendliche auch
anspruchsvoll und lassen sich nicht sagen: "Das klingt jetzt
so ähnlich wie Hip-Hop, wir haben's zumindest gut gemeint."
Die Gemeinde derer, die sich noch zum Gottesdienst
versammeln, ist recht abgehärtet...
Das hängt natürlich ganz vom Organisten
oder der Organistin vor Ort ab, da möchte ich niemandem unrecht
tun. Allerdings ist es schon ein Ding, Lieder wie "In dir ist
Freude" mit der Orgel zu begleiten. Das Lied ist von 1591 und
war damals ein Tanzlied, da hat noch nie ein Instrument dazu gepasst,
das Töne immer erst mit Verzögerung
rausbringt und daher die ganze Gemeinde auf eine rhythmusfreie Leier
einschwört.
Die Kirchenmusiker könnten sich aber doch
auch von ihrer Pfeifenorgel lösen.
Tradition ist in der Kirche oft wichtiger als
der Geschmack der Gottesdienstbesucher. Bach und Bläser sind
hier nach wie vor die Orientierungspunkte, nicht die Rock- und Pop-Musik
der letzten 50 Jahre. Einige Landeskirchen erwarten in der Ausbildung
der C-Musiker inzwischen auch etwas Beschäftigung mit Popular-Musik.
Eine Band können sie deswegen natürlich noch nicht anleiten,
aber immerhin... Es bewegt sich was.
Warum bewegt sich das alles nur so schleppend?
Westfalen hatte 1997 ja auch beschlossen, die Kirchenmusiker fitter
zu machen - bisher ohne hörbaren Erfolg.
Jugendgottesdienste und mit ihnen die Jugendmusik
sind insgesamt aus dem Blickfeld verschwunden. Es gibt ja auch keine
neuen Impulse mehr, zum Beispiel vom Kirchentag. Da waren früher
die Beatmessen von Fritz Baltruweit und anderen der absolute Knüller.
Heute kommen zu solchen Angeboten vielleicht noch ein paar Hundert.
Aber Jugendliche gibt es doch immer noch, müsste
der Bedarf nicht da sein?
Wer keinen Jugendgottesdienst kennt wird ihn
vermutlich auch nicht vermissen. Was fehlt, sind junge Theologen,
die Gottesdienste für Kinder und Jugendliche zu ihrem Hauptthema
machen, die geeignete Formen entwickeln und Jugendliche mit ihrer
Lebenswelt einbinden. Es sind doch nicht selten gerade die Vikare
oder die Theologen auf ihrer ersten Pfarrstelle, für die Gottesdienst
ohne Talar und mit Schlagzeug apokalyptische Zeichen sind. Da haben
die charismatischen Bewegungen in den USA oder auch beispielsweise
in Norwegen wesentlich mehr Feeling, das Lebensgefühl der Leute
aufzugreifen, die sie ansprechen wollen.
Bei vielem, was unsere Kirche tut und bei vielem,
was sie lässt, hat man doch ohnehin den Eindruck, sie wolle
niemanden mehr ansprechen.
Es ist die Frage, wie sehr die Leute sie selbst
sein dürfen. Da möchte eine Jugendband in einem Kirchenkeller
proben. Dann wird meist als erstes die Bedingung gestellt, dass
sie aber beim nächsten Gemeindefest oder einem Jugendgottesdienst
oder was es sonst auch geben mag spielen sollen. Das klappt eine
Zeit mehr schlecht als recht, dann will die Band aber auch ihre
eigenen Songs spielen - und damit passt sie oft nicht mehr ins Konzept.
Was macht denn eine Rockband zur Kirchenband?
Dass Jugendliche bewusst in der Gemeinde spielen
wollen. Wenn ihre Motivation stimmt, dann sollte es keine Vorgaben
geben, welche Stücke sie spielen können und welche nicht.
Die Einteilung in "weltliche" und "geistliche"
Musik hat mich noch nie überzeugt. Auch viele Pop-Stars haben
etwas zu sagen, was ich mir als Christ gerne anhöre. Da braucht
es kein spezielles kirchliches Qualitätssiegel für.
Würde bessere Musik unsere Gottesdienste
denn rausreißen können?
Die Musik bedeutet sicherlich viel, aber wir
sollten uns da keine Illusionen machen. Nach der Konfirmation sind
die 14-, 15-Jährigen einfach froh, es geschafft zu haben. Wir
müssen uns als Christen von dem veralteten Anspruch und missionarischen
Übereifer lösen, die Gemeinde müsse alle Menschen
in allen Lebenslagen - von der Wiege bis zur Bahre - erreichen.
Bei vielen Jugendlichen stehen andere Dinge an: Partys, mit der
Clique losziehen und dergleichen. Da können auch die besten
Jugendgottesdienste nicht mithalten. Was aber auch nichts macht
- die Leute brauchen ein bisschen Zeit, dann sind sie wieder auf
Kirche ansprechbar.
Ob mit oder ohne gute Musik - meist gibt es
ja gar keine gottesdienstlichen Angebote für Jugendliche.
Es tut sich recht wenig auf dem Gebiet. Hier
sollten sich die Theologen in der Pflicht sehen, vor allem natürlich
jene, die schwerpunktmäßig mit Jugendlichen und jungen
Erwachsenen arbeiten, sowohl in der Gemeinde als auch in Kirchenkreisen
und auf Landesebene. Auch im Zuge der Jugendsynode 1997 gab es im
Bezug auf neue Gottesdienstformen wenig Innovation. Was den Synodalen
jeweils als jugendlich präsentiert wurde, waren meist Texte
vom Pfarrer, die Jugendliche gelesen haben. Das mögen Synodale
nett finden, aber so können wir keine Jugendgottesdienste machen.
Hier gilt es, über den Tellerrand Westfalens zu schauen; in
anderen Teilen Deutschlands und den Nachbarländern - vor allem
Holland, Schweiz und Skandinavien - gibt es viel zu entdecken.
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