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Jugendliche und der sog. Hauptgottesdienst
Gottesdienst-Check



Was soll der Hauptgottesdienst in einem solchen Buch? Es geht doch um Kinder- und Jugendgottesdienst, warum ist da auf einmal der Sonntagsgottesdienst im Blickfeld? Nun, der "normale" Gottesdienst, nennen wir ihn Haupt-, Sonntags- oder Erwachsenengottesdienst, ist halt immer noch die häufigste Gottesdienstform, mit der Jugendliche in Berührung kommen. Jugendgottesdienste gibt es im Vergleich dazu nur in sehr wenigen Gemeinden. Kindergottesdienste schon mehr, aber auch damit haben nicht so sehr viele Jugendliche Berührung gehabt. Mit dem sog. Hauptgottesdienst aber kommen nahezu alle Jugendliche evangelischer Konfession in Kontakt, nämlich als Konfirmanden. Der Gottesdienst am Sonntag ist also die große Pflichtveranstaltung für Jugendliche in der evangelischen Kirche. Schaut man sich weiter die Motivation Jugendlicher an, Jugendgottesdienste zu veranstalten, wird man des öfteren zu hören bekommen: "Wir wollen den Gottesdienst mal anders machen." Diese Abgrenzung meint freilich immer den Sonntagsgottesdienst. Der Hauptgottesdienst ist der feste Begriff, der das Verhältnis Jugendlicher auch zu anderen Gottesdienstformen bestimmt. Nichts liegt demnach näher, als sich auch damit zu beschäftigen.

Die LJV hat vor geraumer Zeit - immerhin ist das schon fast zwei Jahre her - eine Aktion mit dem Namen Gottesdienst- Check ins Leben gerufen. Dabei werden Gottesdienste mit einem von einer Arbeitsgruppe in Bielefeld entwickelten Fragebogen besucht. Die Fragen orientieren sich an den Beschlüssen, die die Landessynode (Kirchenparlament) der evangelischen Kirche von Westfalen 1997.zum Schwerpunktthema "Ohne uns sieht eure Kirche alt aus. Kinder - Jugend - Kirche" gefasst hat. Diese Beschlüsse zu überprüfen ist eigentlich nicht originäre Idee der Jugendlichen, sondern kommt von der Synode selber. In den Beschlüssen heißt es: "Eine zum Glauben einladende Kirche ist eine kinder- und jugendfreundliche Kirche. Sie lässt sich durch Kinder und Jugendliche prüfen, lernt von und mit ihnen und lädt sie zur Mitgestaltung von Gemeinde und Gesellschaft ein." (Artikel II der Kinder- und Jugendcharta der EKvW, s. S. 164) Das hat manche nicht davon abgehalten, der LJV Stasi-Methoden vorzuwerfen - aber egal. Die Reaktionen sind immer sehr unter-schiedlich. Einige Pfarrer begrüßen die LJV mit ihrer Check-Aktion ausdrücklich am Anfang des Gottesdienstes, andere beschweren sich hinterher schriftlich. Es gibt auch Briefe, in denen Pfarrer dankbar sind für die kritische Rückmeldung - die gerade im Gespräch weit dezidierter ausfällt als in dem Checkbogen, der ja vor allem jüngeren Jugendlichen eine erste Orientierung für die Einschätzung geben soll.

Die im folgenden Fragebogen kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus den Beschlüssen der Landessynode der EKvW 1997 zum Themenkreis "Gottesdienst und Spiritualität". Der ganze Bogen ist in einem recht flapsigen Duktus gehalten. Es wird oft kritisiert, man könne beim Gottesdienst- Check in dieser Form gar nicht gut wegkommen. Das mag so sein, aber lustig ist er allemal. Er soll auch nur als Beispiel dienen. Was uns mehr am Herzen liegt ist, dass Konfirmanden, Gruppenleiter, Jugendliche in den Gemeinden, sich selber mit dem Thema Gottesdienst auseinandersetzen und ggf. ihren eigenen Fragebogen entwickeln. Es liegt uns fern, Jugendliche anzustacheln, ihren Pfarrer zu verreißen, sondern es muss darum gehen, dass sie eigene Kriterien entwickeln, um zu einer Beurteilung zu kommen.

Gottesdienst-Check

1) Habt ihr alles verstanden? (Im Gottesdienst darf nichts gesagt werden, was Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht verstehen können.)
- Nur Bahnhof.
- Ging so.
- Echt klasse, die wenigen Fremdwörter wurden auch noch erklärt.

2) Wie steht es um die Sinnlichkeit? (Der Gottesdienst braucht einfache und unmittelbare sinnliche Erfahrungen.)
- Ein Rendezvous der Sinne!
- Nur der Geruchssinn: Der Muff aus tausend Jahren unter den Talaren!
- Koteletts anne Ohren, zu viel geschwallt.

3) War Gemeinschaft zu spüren? (Im Gottesdienst soll echte Gemeinschaft erlebt und gefördert werden.)
- Wir haben uns alle furchtbar lieb gehabt.
- Der Pastor hat Händchen gegeben und später gab es auch noch einen Kaffee.
- War das der Segen, oder die Startklappe? Ab nachhause, aber zügig.

4) Gibt es Jugendgottesdienste in dieser Gemeinde? (Außer den Sonntagsgottesdiensten muss es gerade für Jugendliche eigene Gottesdienste geben.)
- Ja , der Pfarrer macht es auch am extra hip für die Jugendlichen.
Nö.
Ja und zwar von Jugendlichen gestaltet, wie es sich gehört.

5) Wer hat den Gottesdienst vorbereitet? (Zur Umsetzung dieser Verpflichtung soll es in jeder Gemeinde einen Liturgie- und Gottesdienstkreis quer durch die Generationen geben.)
Wer wohl?
Der Pfarrer und die Lesung hat eine Hansel aus dem Presbyterium gemacht.
So ein kunterbunter Vorbereitungskreis, wie diese tolle Soll-Bestimmung es vorsieht.

6) Dürfen Kinder am Abendmahl teilnehmen? (In den Gemeinden soll die Frage des Abendmahls mit Kindern diskutiert und eine Verständigung darüber herbeigeführt werden.)
Das geht doch nicht, wofür wären wir denn dann konfirmiert worden?
Natürlich, denn Petrus & Co. waren bekanntlich auch nicht konfirmiert.
Hat sich hier niemand drüber verständigt und überhaupt sei es den Gemeinden eh egal, was die Landessynode beschließe.

Hier ist Platz für Bemerkungen:


Das ist zunächst Meinungsbildung, konkrete Schritte oder Forderungen müssen daraus abgeleitet werden. An dieser Stelle soll eine erste Bilanz gezogen werden.
Dabei liegen die auf den LJV-Treffen ausgefüllten Fragebögen und mehr noch die Statements in den anschließenden Diskussionen zugrunde. Noch einmal hier der Hinweis: Der Gottesdienst-Check versteht sich als Anregung zur Diskussion und will Meinungsbildung fördern. Die Formalkriterien sind natürlich nicht objektiv: Kommt ein Pfarrer gut rüber, dann wird sein Gottesdienst in allen Punkten gut bewertet, auch wenn die Liedauswahl genauso bescheiden und die Lesung ebenso unverständlich war wie bei dem Kollegen, dem man auch für 100 Mark nicht abkaufen möchte, in seinem Gottesdienst werde "gefeiert". Die Aussagen erheben freilich in keiner Weise den Anspruch, repräsentativ zu sein und können auch nicht in der Differenziertheit wiedergegeben werden, wie eigentlich wünschenswert.

1) Habt ihr alles verstanden? (Im Gottesdienst darf nichts gesagt werden, was Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht verstehen können.)
Die meisten Gottesdienste scheinen verständlich zu sein. Schwierigkeiten gibt es in den selteneren Fällen bei Fremdwörtern. Wenn etwas unklar ist, dann zumeist wenn geprägte Wendungen unreflektiert benutzt werden, die Jugendlichen eben nicht mehr vertraut sind. Was kann man darunter verstehen, wenn ein Pfarrer vom Ostern in meinem Leben redet? Aber im Großen und Ganzen wird dieser Punkt eher positiv beurteilt. Ob das etwas mit dem plakativen Beschluss zu tun hat, konnten wir nicht klären.

2) Wie steht es um die Sinnlichkeit? (Der Gottesdienst braucht einfache und unmittelbare sinnliche Erfahrungen.)
Dass ein Gottesdienst als ganzheitlich bezeichnet wurde, ist uns noch nicht untergekommen. Es zeigt sich in den Nachbesprechungen auch, dass die wenigsten Jugendlichen überhaupt eine Vorstellung davon haben, was einfache und unmittelbare sinnliche Erfahrungen sein könnten. Beides spricht wohl dafür, dass die besuchten Gottesdienste diesem Punkt eher nicht gerecht werden. Manchmal werden Steinchen, Federchen oder Filzpelzchen verteilt. Das wird von den Jugendlichen dann in dieser Kategorie gebucht.

3) War Gemeinschaft zu spüren? (Im Gottesdienst soll echte Gemeinschaft erlebt und gefördert werden.)
Sehr unterschiedlich an dieser Stelle. Wenn die Gemeinde in irgendeiner Form nach dem Gottesdienst die Möglichkeit hat zusammen zu bleiben und sich auszutauschen, wird das von den Jugendlichen durchweg als positiv gewertet. Die Art und Weise spielt dann eigentlich keine Rolle mehr, egal ob Kaffeetrinken oder Predigtnachbesprechung. Verwunderung wird immer wieder in den Diskussionen darüber geäußert, dass von einer solchen und denkbar einfachen Form, Gemeinschaft zu stiften, verhältnismäßig wenig Gebrauch gemacht wird.

4) Gibt es Jugendgottesdienste in dieser Gemeinde? (Außer den Sonntagsgottesdiensten muss es gerade für Jugendliche eigene Gottesdienste geben.)

Wie gesagt, nicht repräsentativ - aber es scheint zu wenige zu geben. Zum Vorgehen: In der Regel versuchen die jugendlichen Gottesdienstteilnehmer, direkt mit den Pfarrern oder anderen Mitwirkenden über ihre Eindrücke zu reden und diese im Checkbogen festzuhalten. Durch Anschlusstermine (Kigo etc.) ist dies nicht immer möglich..

5) Wer hat den Gottesdienst vorbereitet? (Zur Umsetzung dieser Verpflichtung soll es in jeder Gemeinde einen Liturgie- und Gottesdienstkreis quer durch die Generationen geben.)

Gottesdienste, die ein Vorbereitungskreis gestaltet hat scheinen zumeist besondere Gottesdienste zu sein, zumeist Familiengottesdienste. Dass im Sinne des Beschlusses der Synode der herkömmliche Gottesdienst durch einen Vorbereitungskreis gestaltet werden würde, davon kann nicht die Rede sein.

6) Dürfen Kinder am Abendmahl teilnehmen? (In den Gemeinden soll die Frage des Abendmahls mit Kindern diskutiert und eine Verständigung darüber herbeigeführt werden.)
Wie auch schon bei dem Punkt Jugendgottesdienste sind hier die Leute auf Gemeindemitglieder oder den Pfarrer angewiesen, die Auskunft geben. Aber das birgt natürlich Möglichkeiten zum direkten Austausch über den Gottesdienst. Uns ist bisher keine Gemeinde begegnet, die generell Kinder zum Abendmahl zulässt. Aber Teilnehmer von LJV-Treffen erzählen davon, zum Teil auch von den damit verbundenen Diskussionen, wenn es in der eigenen Gemeinde war. Dabei werden die oft gefundenen "Ausweichmöglichkeiten" (etwa die Kinder stattdessen zu segnen) gar nicht so kritisch hinterfragt, wie man sich das vorstellen könnte. Allein, dass eine Gemeinde sich Gedanken gemacht hat und Kinder in welcher Form auch immer an der Abendmahlsgemeinschaft teilhaben lassen will, kommt bei den Jugendlichen sehr gut an.

Schlussendlich ist zu betonen, dass keineswegs nur die Familiengottesdienste oder andere Gottesdienste mit größerem Aufwand bei den Jugendlichen ankommen. Im Gegenteil haben Jugendliche oft eine große Sensibilität dafür, wenn etwas krampfhaft besonders und bunt sein soll. So wie einmal, als wir einen Kindergarten-Gottesdienst im Wald besucht haben. An allen möglichen und unmöglichen Stellen im Gottesdienst waren die lieben Kleinen nur dazu da, mit Mätzchen und Gesten irgend welche Samenkorn-Erntedank- Meditationen zu untermalen. Das war einfach nur plump und wirkte auf uns eher abstoßend als rührend. Manchmal reicht es, dass der Pfarrer ein "Original" ist oder der Organist mal nicht so lahm spielt. Man mag es auf die Formel bringen, dass Jugendliche es honorieren, wenn ein Gottesdienst mit Liebe vorbereitet und durchgeführt wird.

Die LJV wird an diesem Thema weiterarbeiten und wird deshalb das Projekt Gottesdienst-Check noch ausbauen. Künftig ist unter www.landesjugendvertretung.de eine Online-Version des Gottesdienst-Checks verfügbar. Wir laden dazu ein, den Check in der eigenen Gemeinde, dem Kirchenkreis oder wo auch immer durchzuführen und uns die Ergebnisse auf diesem Weg zukommen zu lassen. Damit soll die Diskussion um den sog. Hauptgottesdienst vorangebracht werden. Wir wollen konkrete Anregungen, Meinungen und Ideen sammeln, um dabei zu helfen, den Gottesdienst attraktiver für Jugendliche zu gestalten. Warum das Jugendlichen ein Bedürfnis ist, ist ja schon mehrfach betont worden - sie haben zumeist nur den einen Gottesdienst!

 



Dies ist ein Aufsatz aus folgendem Buch:

Christoph Urban / Timo Rieg (Hrsg.)
Kindergottesdienst und Jugendgottesdienst in Westfalen
- Für eine Kirche mit Zukunft
Aufsätze aus der Praxis

Ist der sonntägliche Kindergottesdienst ein Auslaufmodell? Haben Jugendliche ein Bedürfnis nach Jugendgottesdienst? Und welche Rolle spielen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter bei der weiteren Entwicklung?
Die LJV - eine unabhängige Vertretung evangelischer Gemeindejugend in der EKvW - hat in der Folge eines Seminarwochenendes zur Diskussion um Kinder- und Jugendgottesdienst eingeladen und die Beiträge in diesem Buch gesammelt: Statements, Modelle, Tipps für die Praxis.

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