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Meinungen sagen im Gottesdienst
von Thomas Böhme-Lischewski

Frühgeschichte (bis Ende 1993)

Bis Ende des Jahres 1993 fanden bereits regelmäßig Jugendgottesdienste in Selm statt, einmal im Monat, jeweils an einem Freitagabend um 18.00 Uhr, vorbereitet von einer Gruppe Jugendlicher unter der Begleitung eines Pfarrers und des damaligen Jugendmitarbeiters. Diese Jugendgottesdienste fanden ein Ende, als Jugendmitarbeiter und Pfarrer im Laufe eines halben Jahres Selm verließen, um an anderer Stelle weiterzuarbeiten.

Vorgeschichte (Februar 1996 - Dezember 1996)

Nach gut zwei Jahren Pause gab es wieder Jugendgottesdienste in Selm. Der erste unter dem Motto "Nimm mich wie ich bin" fand am 09.02.1996 statt. Beibehalten wurde zum einen die Zeit, nämlich der Freitagabend um 18.00 Uhr. Zum anderen wurde auch diese neue Serie von Jugendgottesdiensten gemeinsam mit Jugendlichen vorbereitet.
Zielgruppe dieser Gottesdienste waren in erster Linie die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen sollten. Die Jugendgottesdienste sollten ein Ort für jugendgemäßere Gottesdienstformen und für das Entwickeln und Erleben eigener Frömmigkeitsformen sein.
Die Jugendgottesdienste wurden vereinzelt auch von Erwachsenen, z.B. von Jugendpresbytern, besucht. Es kam die Frage auf: "Kann ein sonntäglicher Erwachsenengottesdienst nicht einmal gemeinsam mit Jugendlichen vorbereitet werden?" Gut ein Drittel der sonntäglichen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher sind Jugendliche im Konfirmandenalter. Und es stellte sich auch die Frage, ob jugendgemäße Gottesdienste immer als "Sonder-", oder besser: "Zielgruppengottesdienste" stattfinden müssen. Vom Anspruch her ist Gemeinde doch ein Ort, an dem Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen können.
So kam es zur Planung eines mit Jugendlichen gemeinsam vorbereiteten "Erwachsenengottesdienstes" am 19. Januar 1997.

Planung (Januar 1997)

Nach den Weihnachtsferien begann die Planung dieses Gottesdienstes. Seit gut einem halben Jahr hatte sich ein fester Mitarbeiterstamm herausgebildet. Als ehrenamtliche Mitarbeiter Sabrina, Nina, Christoph und Julian, von hauptamtlicher Seite Sonja als Jugendmitarbeiterin und Thomas als der für Jugendarbeit zuständige Pfarrer der Gemeinde.
Ein Thema war schnell gefunden: "Alt" und "Jung", wenn man schon als Jugendliche einen Gottesdienst für alle planen würde.
Mehr Schwierigkeiten machte die Frage, wie das Thema im Gottesdienst aufbereitet werden sollte. Wie in den Gottesdiensten am Freitagabend sollte die Gemeinde direkt beteiligt werden. Soll man die Menschen im Gottesdienst befragen, in Form von Interviews? Alle waren sich sehr schnell einig, dass dies nicht der geeignete Weg sei. "Man hat dann schnell das Gefühl, man bekommt die Pistole auf die Brust gesetzt. Jetzt muss ich hier vor den anderen etwas sagen. Wer traut sich das schon."
Die Jugendlichen waren sich darüber einig: Die Menschen, die diesen Gottesdienst besuchen, sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Meinung zu sagen, aber ohne sich unter Druck zu fühlen. Der Kompromiss, der schließlich gefunden wurde: ein Fragebogen zum Thema des Gottesdienstes.

In mehreren Schritten wurde der Fragebogen entworfen, bis er schließlich bei allen Zustimmung fand. Ziel dieser Befragung im Gottesdienst war, die Meinungen, die Menschen unterschiedlichen Alters voneinander haben, zur Sprache zu bringen. Im Gottesdienst sollten alle erst einmal wahrnehmen, welche Meinungen über die jeweils anderen Altersgruppen bestehen.
Für den Gottesdienst einigten wir uns auf folgendes Verfahren: Die Fragebögen sollten ausgeteilt werden, dann sollte es Zeit zum Ausfüllen geben, dann würden die Fragebögen von den Mitgliedern der Vorbereitungsgruppe getrennt nach Altersgruppen eingesammelt werden (bis 19 Jahre; 20-39 Jahre; 40-59 Jahre; 60-79 Jahre; 80 und älter). Aus den Fragebögen sollten exemplarisch Antworten der verschiedenen Altersgruppen vorgelesen werden.
Im weiteren wurden Lieder, weitere Texte, ein Glaubensbekenntnis nach Dietrich Bonhoeffer für die Liturgie ausgewählt. Für die Jugendlichen in der Vorbereitungsgruppe war klar: Die Orgel sollte in diesem Gottesdienst schweigen. Klavier und Gitarre, das sollten die Instrumente sein, die die Gemeinde an diesem Morgen begleiten. Sabrina konnte die Organistin und deren Tochter dafür gewinnen.
Schließlich wurden Bitten für ein Schlussgebet formuliert. Während der Vorbereitung des Gottesdienstes wurde, wie sonst auch, ein Handzettel entworfen, der in den Konfirmandengruppen und in verschiedenen Schulen und als Plakat in Geschäften verteilt wurde.

19. Januar 1997

Wie geplant fand der Gottesdienst am Sonntagmorgen zur gewohnten Gottesdienstzeit um 9.30 Uhr statt.
Was konnten wir im Gottesdienst, was danach beobachten?
Einmal: Alle Besucherinnen und Besucher ließen sich bereitwillig auf die Fragebogenaktion ein. 79 Personen haben, zum Teil ausführlich, geantwortet.
Während des Gottesdienstes gab es an einer Stelle Kritik: Als die Antworten zur Frage: "Was bedeutet für Sie/Dich Glück?" vorgelesen wurden und einige Male die Antwort "Gesundheit" genannt wurde, bemerkte eine Besucherin des Gottesdienstes, dass Glück mehr sei als Gesundheit.
Beachtlich sind die Ergebnisse, die bei der Befragung herausgekommen sind.

Die Altersstruktur gemäß unserer Kategorien war am 19.01.1997:
Bis 19 Jahre: 33
20 bis 39 Jahre: 4
40 bis 59 Jahre: 17
60 bis 79 Jahre: 22
80 Jahre und älter: 3

In der ersten Altersgruppe waren 29, die zwischen 12 und 14 Jahren alt waren. D.h., 37% der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher waren im Konfirmandenalter. Das entspricht in etwa dem sonst üblichen Anteil im Gottesdienst. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden bilden die größte Altersgruppe unter den Selmer Gottesdienstbesuchern.

Welche Reaktionen kamen nach dem Gottesdienst?
Kein Gottesdienst in den vergangenen Jahren hat für so viel Gesprächsstoff gesorgt. Beim anschließenden Kaffeetrinken in der Eingangshalle des Gemeindezentrums blieben manche bis über eine Stunde nach dem Gottesdienst zusammen und sprachen miteinander. Sonst verlaufen sich die letzten nach etwa 30 Minuten.

Sehr vielen - gerade den Erwachsenen - hat der Gottesdienst gefallen, für viele war er lebendiger als sonst Gottesdienste an einem Sonntagmorgen. "Interessant", sagten die einen. Andere: "Endlich mal etwas Neues." Manchen fiel auf, dass die Jugendlichen interessiert und aufmerksam wie bei keinem anderen Gottesdienst waren.
Es gab auch kritische Stimmen: Manchen fehlte die Auslegung eines Predigttextes. Andere hatten Schwierigkeiten damit, dass die Äußerungen der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher im Mittelpunkt standen. Diese Stimmen sind vereinzelt hörbar.

Nachgeschichte(n)
Es gab eine Reihe von Reaktionen auch noch einige Zeit nach dem Gottesdienst.
In einem der beiden Bezirksausschüsse in Selm wurde die Frage diskutiert, ob solche Gottesdienste unter Beteiligung von Jugendlichen nicht häufiger stattfinden können. Vorgeschlagen wurde: alle vier, sogar alle zwei Wochen.
Fragen, die sich an diese Vorschläge anschließen: Welche Interesse haben (erwachsene) Presbyterinnen und Presbyter, wenn sie dies vorschlagen? Wie vermeidet man eine Überforderung - der Gemeinde auf der einen, des Vorbereitungskreises auf der anderen Seite?

Die Diskussion um "andere", jugendgemäße Gottesdienstformen ist noch nicht abgeschlossen. Auch im Vorbereitungskreis wurden die Erfahrungen mit dem 19. Januar ausgewertet.

Einige der Jugendlichen empfanden einen deutlichen Unterschied zu den Freitagsgottesdiensten. Die Gottesdienste am Freitagabend sind deutlicher "ihre" Gottesdienste.
Auf den Vorschlag, regelmäßig am Sonntag solche Gottesdienste zu feiern, reagierte der Vorbereitungskreis zurückhaltend. Weil die Gottesdienste am Freitagabend mehr gestalterische Freiräume bieten.
Mittlerweile fanden weitere Gottesdienste am Freitagabend statt.

Auch auf anderen Ebenen fand die Diskussion um jugendgemäße Gottesdienste eine Fortsetzung. Im Rahmen eines Aktionstages im Kirchenkreis zum Thema der Landessynode 1997 nahm ein Teil des Selmer Vorbereitungskreises an einer Arbeitsgruppe zum Thema "Jugendgemäße Gottesdienste" teil. Die Thesen dieser Arbeitsgruppe spiegeln in weiten Teilen die Praxis der Jugendgottesdienste in Selm wider.

THOMAS BÖHME-LISCHEWSKI




Dies ist ein Aufsatz aus folgendem Buch:

Christoph Urban / Timo Rieg (Hrsg.)
Kindergottesdienst und Jugendgottesdienst in Westfalen
- Für eine Kirche mit Zukunft
Aufsätze aus der Praxis

Ist der sonntägliche Kindergottesdienst ein Auslaufmodell? Haben Jugendliche ein Bedürfnis nach Jugendgottesdienst? Und welche Rolle spielen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter bei der weiteren Entwicklung?
Die LJV - eine unabhängige Vertretung evangelischer Gemeindejugend in der EKvW - hat in der Folge eines Seminarwochenendes zur Diskussion um Kinder- und Jugendgottesdienst eingeladen und die Beiträge in diesem Buch gesammelt: Statements, Modelle, Tipps für die Praxis.

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